Die vorliegende Arbeit untersucht das philosophische Motiv der Zeitreise im Kontext moderner Zeitontologie und entwickelt die These, dass Zeitreisen nicht lediglich ein spekulatives Randphänomen darstellen, sondern eine symptomatische Funktion innerhalb des eternalistischen Zeitmodells erfüllen. Ausgangspunkt ist die Analyse des sogenannten Container-Modells der Zeit, wie es insbesondere in der eternalistischen Interpretation der Raumzeitstruktur formuliert wird. In diesem Modell existieren Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gleichermaßen real innerhalb eines vierdimensionalen Blocks. Zeit erscheint hier nicht als Prozess des Werdens, sondern als statische Ordnungsstruktur. Zeitreisen sind unter diesen Voraussetzungen prinzipiell denkbar, da alle Zeitpunkte ontologisch koexistent sind.
Im Verlauf der Untersuchung zeigt sich jedoch, dass Zeitreise-Narrative systematisch Spannungen sichtbar machen, die aus der statischen Ontologie des Eternalismus resultieren. Insbesondere im Anschluss an die Zeitreiseanalyse von David Lewis wird deutlich, dass Zeitreisen zwar mit der logischen Struktur des Blockuniversums vereinbar sind, zugleich aber grundlegende Intuitionen von Veränderung, Freiheit und Offenheit nicht auflösen, sondern vielmehr hervorheben. Zeitreise fungiert damit nicht nur als Konsequenz des eternalistischen Modells, sondern auch als implizite Kritik an dessen statischem Charakter.
Diese Spannung wird durch die Einbeziehung phänomenologischer und prozessontologischer Positionen weiter vertieft. Die Analyse der Zeitlichkeit bei Martin Heidegger zeigt, dass Zeit primär als existenzielle Struktur des Entwurfs und der Geworfenheit erfahren wird, während Henri Bergson mit dem Begriff der durée eine nicht-quantifizierbare, qualitative Zeitform beschreibt, die sich der räumlichen Fixierung entzieht. Ergänzend dazu entwickelt Alfred North Whitehead eine Prozessmetaphysik, in der Wirklichkeit selbst als fortlaufendes Werden konstituiert ist. Diese Positionen stellen Alternativen zur statischen Ontologie dar und machen verständlich, warum das Motiv der Zeitreise narrativ und philosophisch eine so große Attraktivität besitzt.
Darüber hinaus wird gezeigt, dass Zeitreise in narrativen Kontexten eine reflexive Funktion erfüllt. Im Anschluss an die Theorie der narrativen Zeit bei Paul Ricœur wird Zeitreise als Extremform narrativer Selbstbezüglichkeit interpretiert, in der die Struktur von Zeit, Identität und Möglichkeit selbst zum Gegenstand wird. Zeitreise-Erzählungen reinszenieren Offenheit innerhalb eines ontologisch geschlossenen Modells und kompensieren damit die Spannung zwischen determinierter Struktur und erlebter Freiheit.
Die Arbeit gelangt schließlich zu einer dialektischen Umkehrung der Ausgangsthese. Zeitreise erweist sich nicht nur als Funktion des eternalistischen Container-Modells, sondern zugleich als dessen immanente Kritik. Sie macht sichtbar, dass das statische Zeitmodell auf Voraussetzungen beruht, die es selbst nicht vollständig einlösen kann, insbesondere auf der impliziten Bezugnahme auf Bewegung, Gegenwart und Freiheit. Zeitreise erscheint somit als philosophische Grenzfigur, in der sich die Differenz zwischen statischer Zeitontologie und dynamischer Zeiterfahrung manifestiert.
Die zentrale Schlussfolgerung lautet, dass Bewegung und Werden innerhalb moderner Zeitontologie nicht vollständig eliminierbar sind. Selbst in einem vollständig eternalistischen Weltbild bleiben sie als phänomenologische, narrative und konzeptionelle Restgrößen wirksam. Zeitreise fungiert in diesem Zusammenhang als Kompensationsfigur, die diese Reststruktur sichtbar macht und damit auf die Grenzen einer rein statischen Ontologie der Zeit verweist.