Sprechen gegen sich selbst

Zur normativen Struktur des performativen Selbstwiderspruchs

Ein Beitrag von Erwin G. Ott vom 6. Februar 2026

Der Begriff des performativen Selbstwiderspruchs wird in der gegenwärtigen Philosophie häufig als Widerlegungsinstrument eingesetzt, um skeptische, relativistische oder normativ-kritische Positionen zu disqualifizieren. Der vorliegende Beitrag hinterfragt diese eliminative Lesart und entwickelt eine alternative, praxislogische Deutung des Phänomens. Ausgehend von einer begrifflichen Klärung und einer genealogischen Rekonstruktion wird gezeigt, dass performative Selbstwidersprüche weder logische noch semantische Inkonsistenzen anzeigen, sondern Spannungen zwischen explizitem propositionalem Gehalt und implizitem sprachlichen Vollzug markieren. In dieser Perspektive fungiert der performative Selbstwiderspruch als Symptom unhintergehbarer sprachlicher Praxis, nicht als Argument gegen bestimmte theoretische Positionen. Anhand zentraler Anwendungsfelder – insbesondere in Erkenntnistheorie, Metaethik und Ideologiekritik – wird gezeigt, dass seine philosophische Bedeutung weniger in der Widerlegung als in der immanenten Diagnose praxisgebundener Voraussetzungen liegt. Der Beitrag plädiert für eine methodologische Verschiebung von eliminativer Kritik zu rekonstruktiver Selbstverständigung philosophischer Praxis.