Der Essay entwickelt eine ästhetische Theorie generativer Künstlicher Intelligenz jenseits gängiger Kreativitäts- und Autorschaftsdebatten. Ausgehend von der Beobachtung massenhafter Produktion formal kohärenter, aber ästhetisch indifferenter Outputs („Slop”) fragt die Arbeit nach den strukturellen Bedingungen nicht-trivialer Kunst unter Bedingungen algorithmischer Formproduktion.
Die zentrale These lautet: Das ästhetische Problem generativer Systeme liegt nicht in deren technischer Unzulänglichkeit oder fehlender „Kreativität”, sondern in der strukturellen Trennung von formaler Erzeugung und ästhetischer Bindung. Generative KI produziert formal kohärente Möglichkeiten ohne Fähigkeit zur Rechtfertigung, Bindung oder Verantwortung. Diese Asymmetrie ist nicht technisch überwindbar, sondern kategorial.
Der genealogische Teil rekonstruiert historische Formen von Poiesis, Verfahren und Kontingenz. Dabei zeigt sich, dass künstlerische Verfahren – von der écriture automatique über Action Painting bis zu aleatorischen Kompositionen – Kontrolle suspendieren können, ohne Zurechnung aufzugeben. Sie operieren mit Risiko, Materialität und Irreversibilität, Momenten, die generativen Systemen strukturell fehlen.
Der systematische Teil analysiert generative KI als Produzenten lediglich formaler Kohärenz. Der Begriff des „Slop” wird präzisiert als Form ohne Notwendigkeit und Variation ohne Bindung. Emergenz wird als reale, aber blinde Neuheit bestimmt, die Material liefert, aber keine Werke konstituiert. Die Analyse mündet in das Konzept asymmetrischer Poiesis: Die Maschine erzeugt Möglichkeiten, der Mensch bindet sie durch Entscheidung, Fortsetzung und Verantwortung.
Der vergleichende Teil positioniert diese Theorie gegen posthumanistische Ansätze, die das Subjekt entlasten wollen, und gegen Ko-Kreativitätsmodelle, die Mensch und Maschine symmetrisch behandeln. Beide unterschätzen die kategoriale Differenz zwischen dem Raum der Gründe und dem Raum der Ursachen. Die Arbeit entwickelt einen nicht-metaphysischen Verantwortungsbegriff, der Kunst an Zurechenbarkeit bindet, nicht an Intention.
Produktive Anschlüsse finden sich bei Adornos Konzepten des Formzwangs und der Negativität, bei Benjamin jenseits des Aurapathos sowie in pragmatistischen Theorien der Bedeutungskonstitution durch Praxis. Reproduzierbarkeit wird als konstantes Moment der Kunstgeschichte rekonstruiert und vom Problem der Austauschbarkeit unterschieden.
Der Schluss entwirft die Ästhetik gebundener Generativität als offenes Programm. Generative KI fungiert als ästhetischer Katalysator, der durch Übertreibung sichtbar macht, was Kunst ausmacht. Vorgeschlagen werden fünf Praktiken der Bindung: kuratorische, transformative, konzeptuelle, kritische und prozessuale Bindung. Diese Praktiken transformieren generiertes Material in Kunst durch Formen der Verantwortung, die nicht delegierbar sind.
Die Arbeit versteht sich als Beitrag zur poietischen Integration künstlicher Systeme. Sie plädiert weder für Technikfeindlichkeit noch für Technikeuphorie, sondern für begriffliche Klarheit über kategoriale Differenzen. Generative Systeme machen Kunst nicht unmöglich, aber sie verschieben, worauf es ankommt: von der Erzeugung zur Bindung, von der Produktion zur Verantwortung, von der Möglichkeit zur Notwendigkeit.
Kunst im Zeitalter künstlicher Systeme ist möglich als Kunst gebundener Generativität – eine Praxis, die maschinelle Möglichkeitserzeugung nutzt, ohne deren strukturelle Beliebigkeit zu reproduzieren. Diese Praxis erfordert nicht weniger, sondern mehr menschliche Verantwortung: die Verantwortung, aus Material Form zu machen, aus Variation Notwendigkeit, aus Emergenz Bedeutung. Die Leichtigkeit technischer Produktion erhöht die Last ästhetischer Bindung.