Die vorliegende Untersuchung unternimmt eine logische Neubestimmung des Verhältnisses von Natur- und Geisteswissenschaften. Sie zeigt, dass die klassischen Unterscheidungskriterien – Gegenstand, Methode, Institution – scheitern: Sie suchen die Differenz auf der falschen Ebene. An ihre Stelle tritt eine alternative Definition: Naturwissenschaften operieren nicht-reflexiv – sie klammern die Bedingungen ihrer eigenen Möglichkeit konstitutiv aus. Geisteswissenschaften operieren reflexiv – sie schließen ihre historische Situiertheit, ihre begrifflichen Voraussetzungen und ihre methodischen Grenzen systematisch ein. Diese Differenz ist logisch, nicht graduell; sie entspricht dem Unterschied zwischen Objekt- und Metasprache, zwischen Beobachtung erster und zweiter Ordnung.
Die Arbeit entwickelt die Asymmetriethese: Reflexivität ist eine logische Einbahnstraße. Jede Selbstthematisierung der Naturwissenschaften vollzieht einen Ebenenwechsel in den Bereich der Geisteswissenschaften; Geisteswissenschaften können nicht auf Nicht-Reflexivität zurückfallen, ohne ihren normativen Anspruch aufzugeben. Die Geisteswissenschaften sind damit nicht eine Gegenstandsregion neben den Naturwissenschaften, sondern deren konstitutiver Reflexionsort – der einzige Ort, an dem Wissenschaft ein Verhältnis zu sich selbst gewinnen kann.
Die Untersuchung verteidigt diese These gegen Einwände, zeigt ihre Konsequenzen für das Verständnis von Interdisziplinarität und den Kategorienfehler der „reflexiven Naturwissenschaft" und reflektiert ihre eigene performative Struktur. Ein Postskriptum entwickelt die institutionelle Konsequenz: Die gegenwärtige Angleichung der Geisteswissenschaften an den naturwissenschaftlichen Betrieb untergräbt ihre spezifische Funktion und betreibt ihre institutionelle Obsoleszenz. Die Geisteswissenschaften müssen sich als Reflexionsort entwickeln – nicht durch Imitation der Naturwissenschaften, sondern durch Besinnung auf ihre eigene logische Funktion. Die Reflexion ist keine Schwäche, sondern die Stärke, die die Geisteswissenschaften zu dem macht, was sie sind: den unaufhebbaren Reflexionsort der Wissenschaften insgesamt.