Der Aufsatz untersucht das systematische Verhältnis von Apophatik und Prozess als zwei grundlegenden Grenzfiguren der Ontologie. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass beide Begriffe in unterschiedlichen philosophischen Kontexten auftreten und jeweils auf strukturelle Probleme ontologischer Bestimmung reagieren. Während apophatische Denkformen aus der Erfahrung der Grenze begrifflicher Bestimmbarkeit hervorgehen, entstehen prozessontologische Modelle aus der Krise substanzontologischer Konzepte von Identität und Stabilität
Die Untersuchung rekonstruiert zunächst genealogisch die Entstehung beider Figuren. Apophatik wird als philosophische Strategie verstanden, die auf die Differenz zwischen Bestimmung und ihrer Bedingung reagiert, indem sie die Grenze der Bestimmbarkeit reflektiert. Prozessontologie entsteht demgegenüber aus der Einsicht, dass Identität nicht unabhängig von Veränderung gedacht werden kann und dass Stabilität nur innerhalb dynamischer Strukturen verständlich wird.
Im systematischen Teil wird gezeigt, dass beide Figuren auf eine gemeinsame Problemstruktur verweisen. Apophatik artikuliert die negative Dimension dieser Struktur als Grenze der Sagbarkeit, während Prozess ihre positive Dimension als immanente Dynamik des Realen beschreibt. Daraus ergibt sich die These, dass Apophatik und Prozess zwei komplementäre Grenzbegriffe der Ontologie darstellen: Apophatik markiert die Grenze ontologischer Bestimmung, Prozess beschreibt die strukturelle Offenheit des Seienden.
Auf dieser Grundlage entwickelt der Aufsatz eine Kritik substanzontologischer Modelle und schlägt eine nicht-substanzielle Ontologie vor, in der Negativität und Prozess als grundlegende Strukturmomente fungieren. Abschließend wird argumentiert, dass die Wiederkehr dieser Grenzfiguren in unterschiedlichen philosophischen Kontexten als strukturelle Invarianz philosophischer Problembildung verstanden werden kann. Daraus ergibt sich eine Perspektive auf globale Philosophie, die nicht primär als kultureller Vergleich, sondern als Rekonstruktion gemeinsamer struktureller Grenzprobleme philosophischen Denkens begriffen wird.