Kanon statt Diskursformation

Zur transzendentalen Notwendigkeit graduierter Wissensstabilisierung

Ein Beitrag von Erwin G. Ott vom 14. Juli 2026

Foucaults episteme beansprucht, die Bedingungen der Möglichkeit historischen Wissens selbst historisch zu denken. Dieser Anspruch ist genuin philosophisch, nicht wissenschaftssoziologisch, und er kann nur auf derselben Ebene widerlegt werden, auf der er gestellt wird. Die vorliegende Untersuchung zeigt, dass Foucaults Modell diesem Anspruch nicht genügen kann, weil es strukturell binär verfasst sein muss – radikale Diskontinuität zwischen Wissensordnungen setzt eine reine Differenzstruktur voraus – , während historisches Wissen, das zugleich über Zeit stabil und selbstkorrigierend sein soll, notwendig über eine kontinuierliche, graduierbare Zustandsgröße verfügen muss. Dieser Nachweis wird transzendental, nicht empirisch geführt: Er stützt sich auf ein aus der Theorie selbstregulierender Systeme entlehntes Argument – im Kern Ashbys Gesetz der erforderlichen Varietät – , demzufolge ein System mit nur zwei unterscheidbaren Zuständen die Vielfalt möglicher Störungen strukturell nicht angemessen absorbieren kann.

Aus dieser Notwendigkeit wird die Kanon-Kommentar-Immunisierungs-Struktur nicht als plausible, sondern als notwendige Gestalt abgeleitet: ein Bezugspunkt, ein Messverfahren, eine graduierte Rückwirkung, getragen von einer institutionell variabel realisierbaren Unterscheidungsfunktion. Die mittelalterliche Scholastik wird dabei nicht als eines von mehreren möglichen historischen Beispielen behandelt, sondern als der Ort, an dem diese Struktur – in der quaestio disputata und in Abaelards Sic et Non – zum ersten Mal reflexiv durchschaut und methodisch ausgearbeitet wurde. Foucaults episteme und Kuhns Paradigma werden als Fälle geprüft, die diese Notwendigkeit verfehlen beziehungsweise nur unvollständig erfüllen; historisches Material – von Wegeners Kontinentalverschiebung bis zu Marshalls und Warrens Entdeckung der bakteriellen Ätiologie des Magengeschwürs – dient nicht als Nachweis, sondern als Illustration einer bereits bewiesenen Notwendigkeit.

Fünf Anhänge vertiefen einzelne Aspekte dieser Argumentation: die Abgrenzung zu Bourdieu, Fleck und Lakatos; Scholastik-analoge Formationen in der indischen, chinesischen und islamischen Philosophiegeschichte; offene Grenzfälle des Arguments; das bewusst nicht vollzogene Verhältnis zu einer fundamentalontologischen Fundierung der Invarianzthese; und die technische Entfaltung des kybernetischen Kernarguments. Ein Exkurs zu Meister Eckhart zeigt, wie scholastische Methode, apophatische Denkfigur und Immunisierungspraxis sich in einer einzigen historischen Biografie verschränken.