Dieser Aufsatz stellt eine stark komprimierte Fassung der zwölf Vorlesungen von Erwin Ott über Apophatik und Prozess als Grenzbegriffe der Ontologie dar. Die Untersuchung entwickelt und begründet die These, dass apophatische (negative) und prozessuale Figuren nicht als historisch kontingente Motive bestimmter philosophischer Traditionen zu verstehen sind, sondern als strukturell notwendige Reaktionen auf eine Grenzstruktur, die dem ontologischen Denken selbst immanent ist.
Die Arbeit gliedert sich in vier Teile. Der erste Teil legt die begrifflichen Grundlagen: Ausgehend von der reflexiven Wendung der Ontologie werden die drei Figuren des Scheiterns positiver Selbstfundierung – infiniter Regress, Zirkel und Überschuss – analysiert, und der Überschuss wird als produktive Figur ausgewiesen. Eine Typologie der Negativität (logische Negation, bestimmende Negation, ontologische Nicht-Identität) wird entwickelt, und der Grenzbegriff wird als immanente Differenzstruktur mit doppelter Funktion – Ermöglichung und Entzug – bestimmt.
Der zweite Teil führt zwei genealogische Fallstudien durch, die die Invarianzthese empirisch stützen. Nāgārjunas prasaṅga-Argumentation wird als performative Apophatik ausgewiesen, die die svabhāva-Annahme von innen her zum Zusammenbruch bringt, ohne eine eigene positive These aufzustellen; die śūnyatā erweist sich als ontologische, nicht nihilistische Kategorie, deren prozessuale Kehrseite das pratītyasamutpāda ist. Whiteheads Prozessphilosophie wird als systematische Verbindung von prozessualer und apophatischer Dimension analysiert: Die Kreativität als ultimatives Prinzip entzieht sich jeder vollständigen positiven Bestimmung und erfüllt strukturell die Funktion eines apophatischen Grenzbegriffs. Beide Fallstudien belegen die strukturelle Homologie trotz erheblicher inhaltlicher Differenzen.
Der dritte Teil systematisiert den Befund. Die ontologische Apophatik wird als der systematisch fundamentale Typ apophatischer Operation ausgewiesen: Sie zeigt, dass der Grund der Bestimmbarkeit sich jeder vollständigen positiven Bestimmung entziehen muss, weil jede solche Bestimmung ihn in die Ordnung des Bestimmten überführen würde. Die transzendentale Deduktion der Invarianzthese wird in drei Schritten entwickelt: Jede vollständige Ontologie muss auf den Grund der Bestimmbarkeit stoßen (reflexive Wendung); dieser Grund ist nicht vollständig bestimmbar (Ursprung der apophatischen Figur); unter dieser Bedingung kann Identität nur prozessual verstanden werden – als Resultat von Relationen, als temporäre Stabilisierung, als offene Prozessualität ohne Telos (Ursprung der prozessualen Figur). Eine Auseinandersetzung mit zeitgenössischen Varianten substanzontologischen Denkens (Lowe, Fine, Vier-Dimensionalismus) zeigt, dass diese an derselben Grenze scheitern – Substanz erweist sich als Grenzverfehlung.
Der vierte Teil entwickelt den systematischen Entwurf einer nicht-substantiellen Ontologie mit fünf Strukturmomenten: Relationalität (Knotenpunkte statt Substanzen), Prozessualität (Stabilisierung als Leistung), Negativität (Überschuss als konstitutives Merkmal), Gradualität (Identität und Stabilität als Grade) und Offenheit (ontologische Produktivität und genuine Neuheit). Drei Anwendungen auf klassische philosophische Probleme – das Universalienproblem (Lösung durch partielle Isomorphie relationaler Positionen), das Problem der Kausalität (prozessuale Kontinuität statt Substanzenkausalität) und das Problem der personalen Identität (prozessualer Knotenpunkt ohne Seelensubstanz) – zeigen die Tragfähigkeit des Entwurfs.
Der Aufsatz schließt mit einer Bestimmung des Programms einer strengen globalen Philosophie: Strenge wird definiert als Rechenschaftspflicht, epistemische Bescheidenheit und systematische Produktivität; globale Philosophie wird verstanden als Problemrekonstruktion auf der Ebene struktureller Operationen, nicht als Kanonisierung oder kultureller Dialog. Die spezifischen Beiträge der westlichen Tradition (transzendentale Reflexion und Negativitätstypologie), der indischen Tradition (Präzision der apophatischen Dimension) und der chinesischen Tradition (prozessuale Immanenz des Grundes) werden gewürdigt. Drei offene Fragen für zukünftige Forschung werden formuliert: das Verhältnis der nicht-substantiellen Ontologie zu den Wissenschaften, ihre Implikationen für die normative Theorie und die Grenzen der Invarianzthese als Forschungsprogramm.
Der Anhang erprobt die Invarianzthese an drei ergänzenden Testfällen: Karen Barads agentiellem Realismus (als unerwarteter Zeuge, der aus der Quantenmechanik zur selben Grenzstruktur gelangt), Ibn Rushds Vollkommenheitslogik (als widerständiger Fall, der die reflexive Wendung vermeidet) und der Nyāya-Vaiśeṣika-Tradition (als negativer Testfall, der zeigt, dass die Grenzstruktur auch dort präsent ist, wo sie nicht als solche thematisiert wird).
Die zentrale These des Aufsatzes lautet: Apophatik und Prozess sind keine konkurrierenden Ontologien, sondern komplementäre Grenzbegriffe derselben Grenzstruktur. Sie sind die beiden grundlegenden Weisen, auf die das ontologische Denken reagiert, wenn es seine eigene Voraussetzungsstruktur vollständig reflektiert. Die Arbeit an dieser Grenzstruktur ist keine abgeschlossene Systematik, sondern eine permanente Aufgabe des philosophischen Denkens – ein Forschungsprogramm, das zur weiteren Arbeit einlädt.