Dieser Essay entwickelt eine ontologische Theorie wissenschaftlicher Modelle auf der Grundlage von Erwin Otts nicht-substantieller Grenzontologie und konfrontiert sie mit Paul Boghossians epistemischem Minimalismus. Die Ausgangsthese lautet, dass wissenschaftliche Modelle weder als Abbilder schematuanabhängiger Tatsachen noch als soziale Konstrukte angemessen verstanden werden können. Sie sind vielmehr relationale Knotenpunkte, deren Identität durch ihre Position in einem Netz von Relationen zu Zieldomäne, mathematischen Strukturen, Messpraktiken und theoretischen Rahmungen konstituiert wird – eine Verfassung, die Otts fünf Strukturmomente (Relationalität, Prozessualität, Negativität, Gradualität, Offenheit) präzise erfasst.
Der Essay gliedert sich in zehn Abschnitte. Nach einer Einleitung, die das Problem der Modelle als philosophisches Stiefkind identifiziert, rekapituliert Abschnitt II Otts Forschungsdesiderat zum Verhältnis seiner Grenzontologie zu den Wissenschaften und weist wissenschaftliche Modellbildung als privilegierten Testfall aus. Abschnitt III rekonstruiert Boghossians Argument gegen den Konstruktivismus und Relativismus und konfrontiert es mit dem Bohr-Modell, um die ontologische Unterbestimmtheit seines epistemischen Minimalismus sichtbar zu machen. Abschnitt IV entwickelt den Begriff des Modells als Grenzobjekt in ontologischer Hinsicht, grenzt ihn von Star und Griesemers soziologischem Vorläufer ab und zeigt, dass die dreifache Zwischenstellung von Modellen (zwischen Tatsache und Konstrukt, Theorie und Phänomen, Gemeinschaften und Praktiken) ontologisch konstitutiv ist.
Abschnitt V übersetzt Otts fünf Strukturmomente systematisch in eine ontologische Theorie der Modellpraxis: Modelle sind relationale Knotenpunkte (5.1), deren Stabilisierung eine prozessuale Leistung ist (5.2), deren Bestimmtheit durch konstitutive Ausschlüsse (Idealisierungen, Abstraktionen) strukturiert wird (5.3), deren Adäquatheit graduell ist (5.4) und deren Anwendungsbereich prinzipiell offen ist (5.5). Abschnitt VI entwickelt die apophatische Dimension der Modellpraxis: Unterbestimmtheit wird nicht als epistemisches Defizit, sondern als Reflex der Grenzstruktur gedeutet (6.1-6.2), und die vier Strukturmerkmale performativer Apophatik (immanente Kritik, Asymmetrie von Destruktion und Konstruktion, Selbstanwendung, Verweisung auf das Nicht-Assertorische durch Vollzug) finden eine präzise Entsprechung in der wissenschaftlichen Modellpraxis (6.3). Wissenschaftliche Modellierung erweist sich damit als epistemischer Vollzug der Grenzstruktur (6.4).
Abschnitt VII behandelt das Kernproblem der Normativität und entwickelt eine relationale Normativitätstheorie, die weder auf vollständig bestimmbare Standards angewiesen ist noch in Relativismus führt. Drei komplementäre Strategien werden vorgeschlagen: Normativität als relationale Kohärenz (Integration in das wissenschaftliche Relationsnetz), Normativität als prozessuale Bewährung (Fruchtbarkeit, Übertragbarkeit, Präzisierungsfähigkeit) und Normativität als graduelle Adäquatheit (Kontrolle der Grenzen und Idealisierungen). Diese Theorie wird gegen den Einwand des Relativismus verteidigt (7.4) und als dritter Weg zwischen Minimalrealismus und Relativismus ausgewiesen (7.5).
Abschnitt VIII zieht die Konsequenzen für die Wissenschaftsphilosophie: Die Realismus-Antirealismus-Debatte wird jenseits von Boghossians Dichotomie neu gerahmt (8.1); Unterbestimmtheit wird als konstitutive Eigenschaft, nicht als methodisches Problem verstanden (8.2); wissenschaftlicher Fortschritt wird prozessual als Steigerung relationaler Kohärenz, prozessualer Bewährung und Selbstreflexivität beschrieben (8.3); und Modellpluralismus wird ontologisch begründet, ohne in Relativismus zu führen (8.4). Abschnitt IX reflektiert die wechselseitigen Gewinne der Konfrontation: Otts Grenzontologie gewinnt empirische Verankerung und Konkretisierung ihres Forschungsdesiderats; die Wissenschaftsphilosophie gewinnt einen ontologischen Rahmen jenseits der Realismus-Antirealismus-Dichotomie; Boghossians Minimalrealismus gewinnt ontologische Präzisierung ohne Widerlegung.
Der Schluss (Abschnitt X) fasst die Hauptthese zusammen – dass wissenschaftliche Modellbildung als epistemischer Vollzug der Grenzstruktur verstanden werden kann – und skizziert ein gemeinsames Forschungsprogramm von Ontologie, Erkenntnistheorie und Wissenschaftsphilosophie. Drei offene Fragen werden benannt: das Verhältnis zwischen ontologischer und normativer Dimension der Grenzontologie, die Anwendung auf andere wissenschaftliche Domänen (Biologie, Ökonomie, Klimawissenschaft) und das Verhältnis zwischen wissenschaftlicher Modellbildung und technischer Praxis.
Die zentrale These des Essays lautet: Wissenschaftliche Modelle sind Grenzobjekte im präzisen ontologischen Sinn; sie realisieren die fünf Strukturmomente von Otts Grenzontologie; ihre Bewertung folgt einer relationalen Normativitätstheorie, die weder auf vollständig bestimmbare Standards angewiesen ist noch in Relativismus führt; und ihre Praxis ist ein epistemischer Vollzug der Grenzstruktur, der in der Wissenschaft realisiert, was die Philosophie in der Reflexion artikuliert. Damit löst der Essay das Forschungsdesiderat ein, das Ott selbst formuliert hat, und zeigt zugleich, dass die Grenzontologie nicht nur kompatibel mit wissenschaftlicher Praxis ist, sondern deren ontologische Struktur produktiv erschließt.